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One Take to Rule Them All – Wie One-Shots das Seriennarrativ neu definieren

TV-Thema der Woche: Serien begeistern mit One-Shots

5. April 2025, 19:32 Uhr

Die Kamera schwebt durch enge Korridore, schleift sich durch flackernde Neonlichter, wird in Faustkämpfe geworfen und steht nie still – und das alles ohne sichtbaren Schnitt. One-Shots, auch als Plansequenzen bekannt, sind längst kein stilistisches Gimmick mehr – so wurden sie zum Beispiel zu meiner Zeit an der Uni noch angesehen, als ich Film- und Fernsehwissenschaften in Bochum studiert habe. Kein Wunder – die Technik war seinerzeit noch nicht soweit, als dass man One-Shots als tragendes stilistisches Element hätte einsetzen können. Aktuell scheint es so, dass sie vor allem als Ausdruck narrativer Ambition eingesetzt werden. In der aktuellen Serienlandschaft sorgen sie für Furore, insbesondere in der Netflix-Serie „Adolescence“, Apples „The Studio“ und der Disney-Serie „Daredevil: Born Again“. Die Serienlandschaft emanzipiert sich weiter gegenüber der Filmwelt – wobei das die „The Studio“-Folge „The Oner“ auf besondere Art und Weise tut, weil sie ja in der Filmindustrie spielt. Doch was macht One-Shots so besonders? Warum werden sie heute wieder vermehrt eingesetzt? Und wie lassen sie sich filmhistorisch einordnen? Ich habe mich aus aktuellem Anlass mal auf eine cinephile Spurensuche begeben.

TV-Woche-One-Shot-Adolescence-Plansequenz

Zunächst einmal: Was ist ein One-Shot?

Ein One-Shot, oder auch Plansequenz genannt, ist im Prinzip eine ununterbrochene Kamerafahrt über einen längeren Zeitraum, (meist) ohne sichtbaren Schnitt. Anders als bei klassischen Filmszenen, die aus einer Vielzahl von Einstellungen und Perspektiven zusammenmontiert werden, bleibt die Kamera hier stets aktiv und fließend. Es ist ein filmischer Wechsel zwischen Choreographie, Lichtsetzung, Schauspiel und Kameraarbeit. Das Besondere am One-Shot ist seine Immersion: Wir Zuschauer:innen werden buchstäblich in die Szene hineingezogen, erlebt das Geschehen in Echtzeit. Fehler verzeiht das Format kaum. Jeder Einsatz ist ein technisches und kreatives Risiko – und gerade deshalb so faszinierend. Natürlich gibt es auch Tricks: Hitchcock zum Beispiel arbeitete mit versteckten Schnitten – aus ganz naheliegenden Gründen: Die Technik war noch nicht so weit, dass sie lange Kamerafahrten erlaubten. Irgendwann war die Filmrolle aufgebracht. Wie funktioniert das mit den versteckten Schnitten? Klassiker ist, wenn die Kamera auf eine Person zufährt, bis diese praktisch die Linse so sehr verdeckt, dass alles schwarz wird. Kurz danach sehen wir wieder etwas und die Szene geht weiter – das war der Moment für den Schnitt.

Ein historischer Blick: Von Hitchcock bis Mendes

Die Geschichte der Plansequenz reicht weit zurück. Nochmal Alfred Hitchcock: Er wagte sich 1948 mit „Rope“ (bei uns „Cocktail für eine Leiche“) an das Experiment. Zwar war der Film aufgrund der damaligen Technik wie gesagt nicht wirklich in einem Take gedreht (die Filmrollen hielten nur ca. 10 Minuten), aber Hitchcock versteckte die Schnitte clever hinter eben jenen schwarzen Flächen und Kameraschwenks. Der Film suggeriert, er spiele in „Echtzeit“, zudem noch an einem Ort, was Hitchcock ja ganz gerne als Element eingesetzt hat. Hitchcock drehte den Film so, als wäre er eine einzige, durchgehende Einstellung, obwohl jede Einstellung zwischen viereinhalb und zehn Minuten dauert. Das war auch Neuland für viele Schauspieler:innen, die bis zu zehn Minuten am Stück drehen mussten. Hitchcock setzte deswegen theaterähnliche Proben an. Später haderte der Regisseur mit dem Einsatz der Technik, weil er so den Schnitt als wesentliches, gestaltendes Instrument der Dramaturgie vernachlässigt hatte. Gegenüber François Truffaut bezeichnete er dies 1966 als „idiotisch“ und als „verzeihlichen Versuch“, nachzulesen in Truffauts Buch „Mr. Hitchcock, wie haben Sie das gemacht?“.

Spätere Produktionen haben diese Zeitspanne noch weiter ausgedehnt, wie IGN dokumentiert: Für „Macbeth“ aus dem Jahr 1982 wurde eine 57 Minuten lange, durchgehende Einstellung gedreht. Andy Warhols Kunstfilm „Empire“ aus dem Jahr 1964 war 485 Minuten lang, was allerdings die Schnitte kaschierte. Die Digitalisierung hat die Film-Probleme beseitigt: Eine Einstellung kann so lang sein, wie die Festplatte Platz bietet. „Paint Drying“ aus dem Jahr 2023, ein Experimentalfilm, der als Protest gegen das British Board of Film Classification entstand, ist über zehn Stunden lang.

In der jüngeren Vergangenheit sorgte „Children of Men“ (2006) mit seinen minutenlangen One-Takes für Furore, ebenso wie „Birdman“ (2014), der durch clevere digitale Übergänge wie ein einziger, nicht endender Take erscheint. Und natürlich „1917“ von Sam Mendes, der Kriegsfilm, der nahezu komplett in einer simulierten Plansequenz inszeniert ist. IGN hebt in einem Beitrag besonders diese Entwicklung hervor: One-Shots sind zur Königsdisziplin der visuellen Erneuerung avanciert, heißt es da.

One-Shot als serielles Stilmittel

Im Serienbereich war lange Zeit „True Detective“ (Staffel 1, Folge 4) das große Referenzwerk. Der sechsminütige One-Shot, in dem Rust Cohle (Matthew McConaughey) durch ein Drogenhaus, Hinterhöfe und eine explosive Nachbarschaft navigiert, war nicht nur ein Meisterstück der Kameraarbeit, sondern auch ein Storytelling-Statement. Serien wollten ab da mehr sein als Fernsehware – sie wollten Kino.

True Detective (2014) Season 1 Episode 4 “Who Goes There” 4K HDR

Aktuelle Beispiele: „Adolescence“, „The Studio“, „Daredevil: Born Again“

Die Netflix-Serie „Adolescence“ traut sich aktuell, was bisher kaum eine Serie gewagt hat: Gleich vier Folgen, jede davon etwa 45 Minuten lang, sind als echte One-Shot-Episoden konzipiert. Kein versteckter Schnitt, keine digitalen Übergänge. Besonders Folge 3, wo die Kamera nachts durch ein besetztes Schulgebäude manövriert wird, ist schon ein Paradebeispiel für dichte Atmosphäre, Timing und darstellerisches Feingefühl. Laut Empire wurde monatelang geprobt, Szenen mehrfach in Echtzeit aufgenommen, teilweise über 15 Mal am Stück. Durch die Verwendung einer einzigen Einstellung enthält die Serie sicherlich ein „voyeuristisches Element“, wie es bei IGN heißt, aber letztendlich geht es darum, uns Zuschauer:innen in die Lage der Familie Miller zu versetzen, während diese die Taten Jamies und die Folgen seiner Taten rekonstruiert. Viele weitere Details gerade zur One-Shot-Produktion bei „Adolescence“ finden sich in dem ausführlichen IGN-Artikel.

The Making Of Adolescence: The One-Shot Explained | Netflix

In Apples „The Studio“ sticht insbesondere Episode 2 als ein technisch und dramaturgisch herausragendes Beispiel hervor. Die Folge, schlicht „The Oner“ betitelt, spielt in Echtzeit während einer chaotischen Live-Produktion eines Films. Sie begleitet den neuen Studioboss Matt Remick (gespielt von Seth Rogen) und seinen besten Freund und Vizepräsidenten Sal Saperstein (Ike Barinholtz) bei ihrem Besuch des Sets des neuen Films von Sarah Polley namens „The Silver Lake“ mit Greta Lee in der Hauptrolle. Remick ist ganz aufgeregt, weil Polley gerade eine One-Shot-Aufnahme dreht, und da er in erster Linie Kinofan und erst in zweiter Linie Filmmanager ist, möchte er bei einem möglichen Filmereignis dabei sein. Leider will ihn sonst niemand dabei haben, denn die Anwesenheit des Studioboss – insbesondere eines, der wie Remick ein störendes Nervenbündel ist – am Set könnte den heiklen und zeitkritischen Dreh dieser Aufnahme völlig durcheinanderbringen.

'The Studio' Cast Breaks Down Episode 2: 'The Oner' | Apple TV+ Show

Über fast 20 Minuten folgt die Kamera dem Gewusel aus Produzenten, Schauspielern, Technikern und Bühnenarbeitern, die versuchen, eine in den Kasten zu bekommen, was immer wieder ausgerechnet durch die Missgeschicke des Studiobosses selbst verhindert wird. Die Zeit ist knapp: Es geht um eine spezielle Lichtstimmung in der Abenddämmerung – das macht’s zusätzlich dramatisch. Besonders bemerkenswert ist dabei die Art und Weise, wie die Regisseure Seth Rogen und Evan Goldberg und Cinematograph Adam Newport-Berra verschiedene emotionale Spannungsbögen – von Panik über Komik bis zur Verzweiflung – in einer einzigen, durchgehenden Sequenz auffächern. Die Kamera schlängelt sich unmerklich von einem Handlungsstrang zum nächsten, oft mitten durch hektische Dialoge, Slapstick-artige Pannen und hitzige Debatten. Laut IGN wurde der Take in acht Tagen vorbereitet und insgesamt sechs Mal in voller Länge gedreht, bis das finale Ergebnis stand. Der Take nutzt nicht nur das Studio-Setting optimal aus, sondern verwandelt die Einschränkungen – enge Gänge, unvorhersehbare Bewegungen – in kreative Stärken. Auch die weiteren Folgen nutzen die One-Shot-Technik – zwar in abgeschwächter Form, aber immer noch überzeugend – nämlich dann, wenn’s besonders heikel und dramatisch wird.

The Studio — The Oner | Apple TV+

Die Folge arbeitet aber auch noch auf einer Meta-Ebene: Inhaltlich geht’s um einen One-Shot, und die Folge selber ist auch als One-Shot inszeniert. Und damit nicht genug: Dank des filmbesessenen Remick erhalten wir auch eine Analyse dessen, was One-Shots ausmacht. Auf die Bedeutung langer, nicht von einem Schnitt unterbrochener Kamerafahrten angesprochen, klingt der Boss des Hollywoodstudios wie ein echter Filmnerd, wie es Der Spiegel formuliert: „Der One-Shot ist die ultimative cineastische Errungenschaft! Die eleganteste Verbindung von Kunst und Technik!“ Und dann zählt er die Filme auf, an die er dabei denkt: „Birdman“, „Children of Men“, natürlich „Goodfellas“ – siehe oben. Doch nicht jeder ist seiner Meinung: „Die Oners sind einfach so dumm“, sagt Sal Saperstein in der Folge. „Dem Publikum ist dieser Scheiß egal.“ Saperstein hat nicht unbedingt Unrecht, wenn er sagt, dass der schwierige One-Shot ein Angeber-Ding ist, wie es Rogen und Goldberg selbst hier tun. Aber Remick hat auch Recht, dass es, wenn es richtig gemacht wird, eine Kombination aus Kunst und Technik ist, die die Geschichte der Folge aufwerten kann.

Marvel's Daredevil | Hallway Fight Scene [HD] | Netflix

Und dann ist da „Daredevil: Born Again“ von Disney+. Die Serie knüpft an die Tradition der Netflix-Vorgängerserie an, die mit Episode 2 in Staffel 1 durch den „Hallway Fight“ bereits Seriengeschichte schrieb. In der aktuellen Staffel ist es Folge 6, die mit einem fast 12-minütigen One-Shot eine Lagerhaus-Rettung inszeniert, bei der Daredevil gegen Dutzende Gegner antritt. IGN spricht hier von einem „viszeralen Ballett aus Schmerz und Technik“. Ich erinnere mich an eine weitere Kampf-Szene aus dem Marvel Cinematic Universe: Auch in „Marvel’s Agents of S.H.I.E.L.D.“ wurde sie in einem One-Shot inszeniert – und überzeugte.

Agents of S.H.I.E.L.D. S02E19 - Skye's badass fight scene

2023 wurde der One-Shot für eine 27-minütige Aufnahme einer Schlüsselfolge von „Succession“ genutzt, und es gibt zahlreiche weitere Beispiele, von einer Folge der Netflix-Serie „Spuk in Hill House“, die in fünf scheinbar zusammenhängenden Einstellungen die Geschichte von Hill House über zwei Zeiträume hinweg erzählt, bis hin zu einer Folge von „It’s Always Sunny In Philadelphia“, in der Charlie Day sieben Minuten lang völlig ausrastet. One-Shots sind so in den letzten Jahren Teil der Fernsehsprache geworden ist, was in den frühen Jahren größtenteils nicht der Fall war und eher dem Filmgenre vorbehalten war.

Was ist es jetzt – Technikspielerei oder narrative Notwendigkeit?

Kritiker sind sich uneins: Ist der One-Shot ein Ausdruck wahrer Könnerschaft oder lediglich ein Blendwerk für die Awards-Season? Einige Stimmen werfen One-Shot-Szenen Effekthascherei vor. Andere argumentieren, dass die Plansequenz heute zum Werkzeug geworden ist, um psychologische Tiefe und strukturelle Geschlossenheit zu erzeugen. Nicole Gallucci von Decider meint: „Wir sind schon jetzt überzeugt, dass „The Oner“ als eine der großartigsten, lustigsten und stressigsten TV-Folgen des Jahres 2025 in die Geschichte eingehen wird.“

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Tatsache ist: Der One-Shot zwingt zum Umdenken. Regie, Drehbuch, Schauspiel und Kamera müssen auf einer ganz neuen Ebene miteinander interagieren (auch wenn man, wie Hitchcock es gesagt hat, den Schnitt als Gestaltungselement verliert). Es geht nicht nur um visuelle Show-Offs, sondern um immersive Erfahrungsräume, wie sie konventionelles Fernsehen selten bietet. Und wir sind viel näher dran: One-Shots sind deswegen für mich definitiv kein reiner Selbstzweck. Wenn sie klug eingesetzt werden, wie in „Adolescence“ oder „The Studio“, entfalten sie eine eigene Dramaturgie. Sie erzeugen Atemlosigkeit, Intimität, ein unmittelbares Erleben. Sie fordern den Zuschauer heraus, laden zur Analyse ein – und geben den Serienmacher:innen ein neues Instrument in die Hand, das Seriennarrative fundamental verändern kann – um sich so auch weiter vom Filmgenre zu emanzipieren. Ich finde, man kann sogar sagen: Wir erleben gerade, wie sich das Serienformat noch weiter wandelt und qualitativ die nächste Stufe erreicht: weg vom reinen Erzählen, hin zum Erleben. Und vielleicht ist der One-Shot nicht nur ein filmischer Trick, sondern ein Versprechen, mit dem wir uns hier im Blog schon seit mehr als einem Jahrzehnt befassen: dem Versprechen, dass Serien mehr können. Viel mehr.

Bilder: Apple, Netflix, Disney

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Samstag, 5. April 2025, 19:32 Uhr
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